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„Creeps“


06.11.2008 - Kristin Wagner

Drei junge Mädchen betreten nacheinander die Bühne. Schnell wird klar, dass sie völlig verschieden sind. Maren kommt aus Dortmund und ist 17 Jahre alt. Sie ist die Ruhigste von allen und etwas ökologisch angehaucht. Petra kommt aus Chemnitz und ist die Coole. Lilly kommt aus Hamburg und verhält sich wie eine arrogante, verzogene „Zicke“. Doch alle drei Mädchen sind aus dem gleichen Grund hier: Sie wollen bei der neuen Lifestyle-Sendung „Creeps“ die Rolle der Moderatorin ergattern. Als sie die jeweils anderen Mädchen sehen, sind sie überrascht, da jeder von ihnen gesagt wurde, sie wäre diejenige, die aus hunderten von Mädchen für den Job ausgewählt worden wäre. Dementsprechend groß ist nun der Unmut. Doch lange Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Die unsichtbare Stimme des Aufnahmeleiters begrüßt die Mädchen und erklärt ihnen den weiteren Ablauf: Die Mädchen sollen über mehrere Runden durch verschiedene Aufgaben getestet werden. Wer sich am besten schlägt, bekomme den Job.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft: Die Mädchen nehmen sich gegenseitig die Interviews weg und versuchen die anderen durch gewiefte Fragen in dumme Situationen zu bringen. Jede möchte sich am besten vor der Kamera verkaufen, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Schnell wird klar, wo die Stärken der einzelnen Mädchen liegen: Mit ihren sehr guten und „groovigen Tanzeinlagen“ liegt Petra bei den besonderen Talenten ganz weit vorne. Auch beim „Anmoderieren“ macht sie eine gute Figur. Lilly sticht durch ihre guten Interviews hervor. Nur Maren kann nicht so recht mithalten. Sie möchte zwar immer etwas zeigen, versagt dann aber sowohl beim Rappen als auch beim Moderieren. Man bekommt ein bisschen das Gefühl, dass sie für die Rolle einer Moderatorin nicht geeignet ist. Es stellt sich im Laufe des Stücks heraus, dass auf ihr ein großer Druck lastet. Ihre Mutter hat all ihren Freunden von dem Fernseh-Casting ihrer Tochter erzählt. Nun hat sie Angst zu versagen und ihre Mutter zu enttäuschen. Auch bei Petra kommen Zweifel auf. Sie ist eigentlich ganz glücklich in Chemnitz: Dort hat sie ihren Freund und ihre Freunde. Sie weiß nicht, ob sie eine Trennung von ihren Liebsten verkraften würde.

Zusätzlich kommt es zwischen den einzelnen Aufgaben immer wieder zu heftigen Auseinandersetzung zwischen den Mädchen. Petra versucht zwar immer zu vermitteln, aber einmal eskaliert die Situation doch und Lilly bekommt eine Ohrfeige. Auch die Töne des Aufnahmeleiters werden härter: Er macht sich über die „Ossis“ lustig, woraufhin Petra ausrastet. An diesem Punkt merken die Mädchen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie realisieren, dass sie sich von dem Aufnahmeleiter gegenseitig haben aufstacheln lassen, dass sie Grenzen überschritten haben, die sie unter normalen Umständen nie übertreten hätten. Deshalb beschließen sie, nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten. Lilly stimmt das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ an und Maren und Petra steigen mit ein. Das erste Mal in dem Stück bilden die drei eine Einheit.
Letzten Endes stellt sich heraus, dass das ganze Casting nur eine Inszenierung war. Die Produzenten wollen nämlich ihrem Publikum eine neue „Reality-Show“ vom Feinsten bieten. Wer sieht nicht gern, wie sich drei Mädchen unter Druck gegenseitig zu übertrumpfen versuchen? Die Mädchen reagieren gelassen. Ihnen ist im Laufe des Castings bewusst geworden, dass man für die Rolle einer Moderatorin zu große Opfer bringen muss. Sie sehen das Ganze als eine Erfahrung fürs Leben. Immerhin haben sie dafür jeweils 2500 € bekommen, die sie jetzt beim gemeinsamen Shoppen ausgeben.

Die schauspielerische Leistung von Verena Klinke (Petra), Irina Wörner (Lilly) und Dilara Güler (Marlen) war außerordentlich gut. Jede schaffte es, die Charakterzüge ihrer Person sehr authentisch „rüberzubringen“. Die Tanzeinlagen von Verena Klinke ließen außerdem den ein oder anderen Fuß mitwippen. Schön war auch, dass sich Creeps mit einem Thema beschäftigt, das besonders in der heutigen Gesellschaft sehr aktuell ist: Reality-Shows. Menschen werden bei allem, was sie tun, gefilmt. Es gibt keine Privatsphäre mehr. Seiten, die keiner kennt, kommen plötzlich ans Tageslicht. Man kann nichts verstecken, die Kamera hält immer „knallhart drauf“.
Ein weiterer Aspekt sind die Casting-Shows: Von „Deutschland sucht den Superstar“, über „Popstars“ bis hin zu „Germany’s Next Topmodel“. Casting-Shows sind gefragt wie nie zuvor. Wer möchte nicht berühmt, bewundert und beliebt sein? Doch der Weg zum Erfolg ist steinig. Kandidaten werden getrimmt, müssen bis ans Äußerste gehen, immer unter dem wachsamen Blick der Fernsehzuschauer. Jeder Patzer, jeder Träne wird von Millionen von Zuschauern mitverfolgt. Man braucht eine starke Persönlichkeit, um hier man selbst zu bleiben und sich nicht für das Publikum zu verstellen. Viele beugen sich unter dem Druck und überschreiten Grenzen, die sie sonst nicht überschreiten würden.
All das vermittelt das Theaterstück „Creeps“. Es ist eine Mahnung an das Publikum. Denn manchmal trügt der Schein oder manchmal ist es mehr Schein als Sein.